1973
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Heute ein Freizeitpark: Der "schnelle Brüter" in Kalkar

Heute ein Freizeitpark: Der "schnelle Brüter" in Kalkar
Quelle: dpa

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Wirtschaft

Angebrütet!

In Kalkar beginnen am 1.4.1973 die Arbeiten für den "Schnellen Brüter" - ein Atomkraftwerk, das mehr Plutonium erzeugen soll, als es braucht. Kein Aprilscherz!

Vor der Reaktorkatastrophe von bulletTschernobyl ist der Fortschritt im Energiesektor mit Kernenergie verbunden.

Besonders der "Schnelle Brüter" soll dank seiner ausgefeilten Technologie nicht nur Kosten sparen, weil er mit radioaktiven Stoffen betrieben werden kann, die herkömmliche Kraftwerke nicht nutzen können: Gleichzeitig produziert er noch weiteres radioaktives Material, das unter anderem in diesen einfachen Kernkraftwerken eingesetzt werden kann!

Politik und Energiewirtschaft sind bei Baubeginn gleichermaßen begeistert: Man glaubt, das Perpetuum Mobile und damit eine billige Lösung aller Energieprobleme gefunden zu haben, die außerdem die Abhängigkeit von Öl und anderen Brennstoffen beenden kann.

Tatsächlich zeigen die Energiekrisen der Siebziger Jahre, wie unsicher die Versorgung mit Öl aus dem Ausland ist - aber wie sicher ist Kernenergie?

Parallel zum Protest der Bürger, der 1977 in Deutschlands bis dahin bulletgrößter Demonstration vor den Toren der Brüter-Baustelle gipfelt, wachsen auch die Zweifel in der SPD, die sich durch Förderung der Kernenergie eigentlich als Fortschrittspartei etablieren wollte.

Statt der Kernenergie gibt man nun der Kohle den Vorrang, will aber gleichzeitig nicht vom früher gefeierten Zukunftssymbol "Schneller Brüter" lassen: Nur noch zögerlich erteilt die SPD-geführte Landesregierung daher die einzelnen Teilgenehmigungen für den Betrieb, zudem müssen die Sicherheitsauflagen entsprechend dem aktuellen Stand der Forschung verschärft werden.

Erst 1985 ist die Anlage fertig, nur zwei Teilgenehmigungen stehen noch aus: Eine zum Einbau der Brennelemente, die letzte zur Inbetriebnahme. Beide werden, auch unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl 1986, nie erteilt werden.

Bis die Bundesregierung 1991 das endgültige Aus für den Brüter erklärt, verschlingt der Unterhalt der Anlage täglich fast 290.000 Mark. Vier weitere Jahre braucht es, bis sich ein Käufer findet, der die vorhandenen Gebäude zum Vergnügungspark bullet"Kernwasser Wunderland" umfunktioniert. Auch das ist kein Scherz!

Dirk Bitzer

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