1974
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Kultur

DIE ZEITUNG und der Rufmord

"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Nobelpreisträger bulletHeinrich Böll greift aktuelle Politik auf und eine bekannte Zeitung an! Ein Skandal ...

Eine spontane Liebesnacht im Karnevalsrummel, das allein ist schon etwas außergewöhnliches für Katharina Blum. Dann, am nächsten Morgen hat die Polizei das Haus umstellt: Ihr Liebhaber wird wegen politischer Verbrechen gesucht. Frisch verliebt verhilft sie ihm zur Flucht ...

Alles drin, was eine zünftige Sex&Crime-story braucht, findet Journalist Tötges, tätig für "DIE ZEITUNG", ein großes Boulevardblatt: Seine Artikelserie über die junge Frau, Ansammlungen von Vermutungen und Halbwahrheiten, findet reißenden Absatz, natürlich auch unter ihren Bekannten.

"DIE ZEITUNG" - das erinnert schon rein inhaltlich an das bekannte deutsche Boulevardblatt mit den vier großen Buchstaben, und tatsächlich vermerkt Böll auch im Vorwort: Ähnlichkeiten seien weder beabsichtigt, noch zufällig, sondern unvermeidlich!

"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" beruht auch auf Bölls eigenen Erfahrungen mit Boulevardjournalisten: Man unterstellt ihm, er würde in seiner Funktion als PEN-Präsident zur Unterdrückung von kritischen Schriftstellern in der UdSSR keine Stellung beziehen, greift ihn wegen eines kritschen Artikels im Magazin "Der Spiegel" an, in dem Böll öffentlich einen neuen Umgang mit der ersten Generation der RAF-Terroristen fordert.

Die Angriffe müssen ihn tief getroffen haben: Kaum endet seine Amtszeit als PEN-Präsident, erscheint auch schon "Die verlorene Ehre...". Ein Jahr später wird das Werk bereits verfilmt, ein weiteres Jahr später als Theaterstück in Bonn uraufgeführt.

Dirk Bitzer

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